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Der Nobelpreis und die Frauen: Eine Geschichte von Genialität, Ignoranz und späten Ehren

Anfang Oktober ist es wieder so weit: Die Nobelpreise in den Bereichen Frieden, Physik, Chemie, Physiologie/Medizin, Literatur und Wirtschaftswissenschaft werden verliehen. Spannend dabei: In Alfred Nobels Testament war eindeutig festgelegt, dass die würdigsten Personen den Preis erhalten sollen – vom Geschlecht war allerdings nie die Rede. In den Anfangsjahren klappte das auch: Marie Curie (1903, Physik) und Bertha von Suttner (1905, Frieden) holten früh die ersten Auszeichnungen. 

Und heute? Liegt der Frauenanteil bei mageren 6,6 Prozent. Aber immerhin: In den letzten Jahren stieg die Kurve leicht nach oben. Die Verteilung auf die einzelnen Kategorien zeigt jedoch deutliche Unterschiede: 

Frieden

17,9 %

Literatur

14,8 %

Medizin

6 %

Chemie

4 %

Wirtschaft

3 %

Physik

2,2%.



Marie Curie: Die absolute Ausnahmeerscheinung


Marie Curie brach alle Rekorde: Sie war die erste Frau mit einem Nobelpreis, die erste Person mit zwei Auszeichnungen und sie ist bis heute der einzige Mensch, der den Preis in zwei unterschiedlichen wissenschaftlichen Feldern (Physik und Chemie) erhielt. Dabei wurde auch sie fast um ihren ersten Preis betrogen, das Komitee wollte 1903 ursprünglich nur ihren Ehemann Pierre Curie und Henri Becquerel auszeichnen. Erst als der schwedische Mathematiker Magnus Mittag-Leffler – ein echter Verbündeter für Frauen in der Wissenschaft – Pierre Curie heimlich steckte, was ablief, protestierte dieser. Nur durch Pierres Einwand, dass Maries Anteil an der Forschung genauso groß war, wurde sie mitausgezeichnet. 1911 folgte ihre zweite Nobelpreis-Auszeichnung in Chemie u.a. für die Entdeckung der Elemente Radium und Polonium. Funfact am Rande: Die Curies sind die erfolgreichste Nobelpreisfamilie der Geschichte. Neben Marie und Pierre gewannen auch ihre Tochter Irène mit ihrem Ehemann Frédéric Joliot (1935, Chemie), sowie der Ehemann ihrer zweiten Tochter Ève (Henry Richardson Labouisse, der 1965 den Friedensnobelpreis stellvertretend für die UNICEF entgegennahm).

Drei Forscherinnen, die leer ausgingen


Trotz der Erfolge einiger Frauen lauern hinter den Kulissen der Nobelpreis-Geschichten leider auch viele Biografien von Frauen, deren bahnbrechende Arbeit einfach ignoriert – oder im schlimmsten Fall gestohlen – wurde:

Dr. Rosalind Franklin: Ihre Arbeit in der Röntgenstrukturanalyse lieferte im April 1953 die Grundlage für die Entschlüsselung der DNA-Struktur. Den Nobelpreis sackten 1962 jedoch ihre Kollegen James Watson, Francis Crick und Maurice Wilkins ein. Und in den Dankesreden? Kein Wort über Franklin. Später gab Watson in seiner Biographie sogar zu, dass sich die Männer heimlich durch die Unterlagen von Dr. Franklin gewühlt hatten, um an Daten zu kommen. Erst Aaron Klug, der mir ihr die letzten Jahre ihres Lebens zusammengearbeitet hatte, würdigte sie posthum in seiner Nobelpreisrede 1982 und bezeichnetet sie als großes Vorbild. 

Lise Meitner: Zusammen mit Otto Hahn entdeckte sie, dass Uranatome bei Neutronenbeschuss zerfallen – das Fundament für die Entwicklung von Kernenergie und Atomwaffen. Den Chemie-Nobelpreis dafür erhielt allerdings nur Otto Hahn. Meitner und ihr Neffe Otto Frisch, die die theoretische Erklärung des Phänomens geliefert hatten, wurden komplett übergangen. Neben dem Sexismus der damaligen Zeit spielte auch der Antisemitismus eine Rolle: Meitner war Jüdin und musste nach Schweden fliehen, während Hahn im Nazi-Deutschland seine Forschungsergebnisse nicht offiziell mit einer jüdischen Kollegin publizieren durfte. Meitner wurde in ihrem Leben unfassbare 48mal für den Nobelpreis nominiert, sowohl für Chemie als auch für Physik – erhalten hat sie ihn nie. 

Jocelyn Bell Burnell: Als Doktorandin an der Universität Cambridge entdeckte sie 1967 den ersten Pulsar (einen extrem schnell rotierenden, stark magnetisierenden Neutronenstern). Ihr Doktorvater Antony Hewish veröffentlichte die Daten und strich 1974 prompt den Physik-Nobelpreis ein. Wie absurd die Rollenverteilung damals war, erzählte Burnell 2020 bei einem Vortrag an der Harvard Universität: Während die Presse Hewish mit astrophysikalischen Fachfragen löcherte, wurde Burnell nach ihrer BH-Größe gefragt, nach ihrem Beziehungsstatus und ob sie für die Fotos nicht bitte die Bluse etwas weiter öffnen könne. 


Dass man Sichtbarkeit auch erzwingen kann, bewies 2005 die NGO PeaceWomen Across The Globe. Sie nominierte einfach 1.000 Frauen aus 150 Nationen gleichzeitig für die Friedennobelpreis, um auf das globale, oft unsichtbare Engagement von Frauen in der Friedens- und Menschenrechtsarbeit aufmerksam zu machen. Der Preis ging in dem Jahr zwar an die internationale Atomenergieorganisation (IAEO), aber die Aktion bleibt ein starkes Statement für Gleichberechtigung in der Wissenschaft und Weltpolitik. 

Fazit:


Die Geschichte des Nobelpreises zeigt: Genialität kennt kein Geschlecht – aber Sichtbarkeit brauchte viel zu lange eine Einladung. Auch wenn die Zahlen heute langsam steigen, erinnert uns der Blick zurück daran, wie wichtig es ist, Talente von Anfang an unabhängig von Vorurteilen zu fördern und Erfolge fair zu teilen. Denn die großen Herausforderungen unserer Zeit lösen wir nur, wenn wir alle klugen Köpfe an Bord haben.

Weiterführende Literaturtipps


Wer tiefer in das Thema eintauchen möchte, dem sei das Buch „Beklaute Frauen“ von Leonie Schöler wärmstens empfohlen. Es räumt gründlich mit dem Mythos des „männlichen Genie-Einzelgängers“ auf.

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Marie Curie Rosalind Franklin

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Jocelyn Bell Burnell Lise Meitner

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